Eine Wirtschaftsmission brachte mich im November 2008 nach Indien. Eine Reise mit gemischten Gefühlen: Das europäische Bild von Indien ist das einer aufstrebenden Supermacht – aber ist es wirklich so? Die schiere Größe der Nation ist gigantisch: 1,2 Milliarden Menschen leben in dem Land, das nebst den Metropolen aus ca. 600.000 Dörfern besteht. Doch hier beginnt das Bild auch schon zu bröckeln. Nur knapp 300.000 diese Dörfer sind überhaupt mit Strom versorgt. Schauen wir also etwas genauer hin, wenn wir über Indien sprechen.
Immer mehr Inder in der Mittelschicht
300.000.000 (Dreihundertmillionen) Inder zählen zur so genannten Mittelschicht. Doch Vorsicht. In Indien spricht man von der Mittelschicht ab einem Haushaltseinkommen von rund 4-5.000,- US Dollar. Und Haushalte haben für uns mittelalterliche Strukturen, und bestehen aus 4-5 Personen pro Haushalt. Die Familie zählt in Indien sowie alles, weshalb man immer noch die Kinder in die Ehe verspricht. Eltern von Mädchen müssen dabei tief in die Tasche greifen, denn die Mitgift ist nach wie vor gelebte Tradition. Da kann es schon passieren dass ein Familienvater sein Leben lang für die Aussteuer der Töchter schuftet. Abhängig natürlich auch von der Kaste. Auch wenn das Kastensystem offiziell längst verboten ist, die Menschen leben weiter in dieser Hierarchie und geben sich ihrem Schicksal hin. Hierarchie ist für Inder wesentlich. Auch für jene knapp 30 Millionen die sich nach westlichem Standard „Mittelschicht“ nennen können. Das sind jene die sich auch einen Urlaub leisten können. Gemessen an der Gesamteinwohnerzahl ist das nichts, in Summe aber immer noch fast das Vierfache der österreichischen Bevölkerung. Da kann man auch als westliches Unternehmen schon ins Zielgruppen-Schwärmen kommen.
Löhne und die Motivation der Inder
Zu dieser Ober-Mittelschicht können sich täglich mehr Menschen zählen, weil die Lohnstruktur in Indien sich dramatisch verändert. Liegt der staatliche Mindestlohn bei ca. 3.800,- US Dollar im Jahr, so verdienen höher Qualifizierte schon längst über 20.000,- US Dollar jährlich, Tendenz steigend. Denn auch in Indien spürt man einen deutlichen Fachkräfte Mangel. Die Bildung für die Massen ist nicht ausreichend, selbst von den Universitäten können nur ca. 20 % der Absolventen für internationale Geschäfte eingesetzt werden. Das macht die Luft dünn, bei einem Wirtschaftswachstum von jährlich 7-9%. Bisher galt die Regel: Die Infrastruktur ist teuer zu erhalten, aber die Menschen sind billig. Doch das verändert sich, weil die Nachfrage enorm steigt und damit auch die Löhne. Zumindest bei den High-Potentials. Auch die Indische Mentalität siebt die Arbeitskräfte auseinander. Inder sind nicht leicht zu motivieren, schon gar nicht mit Geld. Hat ein Inder das Gefühl genug zu haben dann lässt er es auch dabei. Selbst wenn mit wenig Mehraufwand mehr Geld zu verdienen wäre – das juckt den Inder kaum. Was zählt ist Familie und die Freude am Job. Nicht das Geld, zumindest nicht in erster Linie. Übrigens: Diskussionen gehören zur Indische Kultur wie der Schal für Touristen. Das bringt es mit sich dass jeder über jeden bescheid weiß – Lohnvereinbarungen sind also transparent. Nicht wie in Europa, wo schon der Neid die Lohndiskussionen erstickt. In Indien weiß jeder über den Anderen bescheid.
Wenn Speed-Money hilft
Was uns Europäer schier zum Wahnsinn treibt ist hier in Indien Gang und Gebe: Wartezeiten, unendliche Diskussionen, Bestechung. „Irgendetwas ist hier immer zu zahlen.“ sagt Klaus Maier, Gründer des Beratungsbüros Maier+Vidorno. Da geht es nicht um große Beträge, sondern um kleine „Beschleunigungs-Anreize“, oder „Speed-Money“, wie es hier genannt wird. Dabei will die Regierung genau das vermeiden. Beamte müssen alle drei Jahre ihre Position verändern, um nicht zu bestechlich zu werden. Was oft dazu führt „das man dann auch den Neuen bezahlen muss“, so Maier weiter.
Von Null auf 2600 – hier ist es möglich
Klar, auch die Aufholjagt ist deutlich zu spüren. Business-Center wachsen aus dem Boden und bieten immer mehr Platz für neue Unternehmen. Wachstumsraten die uns Europäer schwindlig machen sind möglich: Die Research-Firma evalueserve.com hat erst im Jahr 2000 ihre Pforten geöffnet, und zählt heute bereits 2.600 Mitarbeiter. Sie ist ein Gewinner der weltweiten Outsourcing Welle. Mit der Zentrale in New Delhi und Mitarbeiter rund um den Globus kann die Company heute Kunden aus aller Welt vorweisen. Auch das Research-Team besteht aus 50 Nationalitäten. Selbst Europäer kommen her um in Delhi zu Arbeiten, „weil ein vergleichbares Unternehmen bei uns nicht zu finden ist“ – versichert die Österreicherin Brigitte XXX, die ihren Mann alle paar Wochen irgendwo auf der Welt trifft.
Probleme liegen offen auf der Hand
Ja, Indien ist eine aufstrebende Wirtschaftsnation. Ja, die schieren Ausdehnungen sind gigantisch und mit Europa nicht zu vergleichen. Wer allerdings hier Fuß fassen will muss viel Kraft mitbringen. Komplizierte Handelsstrukturen, hohe Steuern, ein bestechlicher Beamtenapparat und eine miserable Infrastruktur sind nur ein paar der Hürden. Lebensqualität wird hier zwischen Monsun und extremer Luftverschmutzung ganz neu definiert. Die extreme Armut ist jeden Tag deutlich sichtbar. Aber auch ein Wille zum Aufstieg in eine Neue Welt, der Drang zu mehr Offenheit und die unbedingte Idee zur Super-Weltmacht zu werden.
Trendeinschätzung: Eine Trendabschätzung kann nur sehr wage geschehen. Dieses Land hat viel Potential, schon auf Grund der Größe. Doch innere Probleme nagen an dem Anspruch eine Supernation zu sein. Gelingt es nicht die Infrastruktur – von Straßen über die Stromversorgung bis zum Wohnungsmarkt – dem Wirtschaftswachstum anzupassen, ist auch ein Kollaps des Systems denkbar. Indien wird weiter wachsen, wird weiter voranschreiten. Indien wird aber kein zweites China, kein neuer Dominator. Weil das auch nicht im Herz der indischen Bevölkerung steckt.


