Wer jetzt schläft verschläft das Beste
Warum nur tut sich die Wohnbranche so schwer, wahre Innovationen zu erzeugen? Sind die Spurrillen der Branche wirklich so tief? Auf der diesjährigen Messe in Köln konnte man jedenfalls genau diesen Eindruck erhalten. Wie eh und je werden Möbel hingestellt und mit Scheinwerfern bestrahlt. Wie immer stehen die mit Schreibblock bewaffneten Verkaufs-Agenten auf den Ständen und lauern auf ihre Beute. Oje, als Zukunftsdenker bekomme ich Angst. Mir scheint, als hätte diese Branche die Zeit verschlafen. Wir bewegen uns ins Zeitalter des SMART BEING, in der Wohnen vehement an Bedeutung gewinnt. Die Wohnung ist aber kein Ort an dem man Möbel beleuchtet. Die Wohnung ist der private Ritualplatz des eigenen Lebens. Hier wird Leben zelebriert und inszeniert. Da muss man sich auch als Hersteller mit den Lebenswelten der Menschen beschäftigen! Wir haben im Zukunftsinstitut dafür eine Steilvorlage geliefert: Lebensstile 2020. Da ist von GreyHoppern, Super Daddys oder Latte-Macchiato-Familien die Rede. Doch wo sind die Wohnmöbel für die neuen Lebensstil-Gruppen? Wo ist die Inszenierung des Seins für die grauen Immerjungen, oder die Neo-Familien.
Sinnhaftes real erleben
In der Wirtschaftskrise wird sich diese Unlust an Innovation rächen. Noch mögen die Menschen Möbel kaufen, die allesamt Kopien von Kopien sind. Doch ganz bald wollen wir Konsumenten wirkliche Lebenswelten und echte Innovationen – sonst tuts auch noch das alte Sofa. Wahre Gefühle und echte Erlebnisse – danach sehnen wir uns. Warum? Wiel selbst der Sex ist in den letzten Jahren ins virtuelle gerutscht ist, er ist zur Beglückung per Filmchen verkommen. Ähnlich dem irrealen Finanzsystem, auch hier fehlen greifbare Werte. Da kommt nun der Gegentrend, der schon längst in den Startlöchern auf seine Chance lauerte. „Real“, ein Wort das wir nun lieben. Real-Wirtschaft, Real-Gewinn, Real-…. Real, das bedeutet: intensiv und greifbar. Wohnen ist das greifbarste und emotionalste Spielfeld für uns Menschen, weil wir unsere Wohnung frei nach eigenem Gefühl designen können. Tiefe Emotionen, intensive Erlebnisse, pure Kommunikation, echter Sex. Das ist die Zukunft des Wohnens. Und so leicht wäre Innovation: Die Verführung zum realen Erlebnis!
Neues Verhalten in alten Räumen
Ein Beispiel: Der Flat-TV wurde die letzten Jahre als die „Revolution des Wohnzimmers“ gefeiert. Doch was nützt der größte und flachste Flimmerkasten, wenn auf sämtlichen Kanälen nur Schrott läuft. Ein schlechter Film wird nicht besser nur weil man ihn größer sieht! Das Leben in Wohnungen verändert sich auf ganz anderen Ebenen: im Verhalten zum Beispiel. Spielen wird zur Norm, ob auf der Play-Station oder auf dem Schachbrett. Speilen wird zum Teil unseres Lebens; es löst Gefühle aus und verbindet uns. Doch die World of Warcraft Generation scheint den grauhaarigen Lenkern der Wohnbranche noch ziemlich suspekt zu sein. Nichts war zu sehen in Köln. Was kommt noch: Der Megatrend schlechthin, Gesundheit. Auch darüber getraut sich kaum eine Company jenseits der Matratzenhersteller vorzudenken. Aber Gesundheit ist mehr als gut schlafen! Gesundheit bedeutet ganzheitliches Wohlfühlen, bedeutet Material aber auch Lebensentlastung. Krank sind die Menschen heute nicht mehr nur am Körper – unsere Krankheiten haben größtenteils psychischen Ursprung und landen in Depressionen und Burn-Out-Symptomen. Unser Mind macht uns krank weil wir permanent damit beschäftigt sind unser Leben zu verbessern. Dabei gerät die Therapie zur Mode (Bolz), weil Selbstverbesserung nicht alleine geht. Die positive Umkehr dieser Entwicklung: Menschen beschäftigen sich mit sich selbst und wollen lernen. Doch derlei Gedanken will man in den Wohnbranchen nicht behirnen. „Wir stellen Möbel her, nicht Pillen.“
Einschränkungen zu Möglichkeiten mutieren
Der Designer Konstantin Gricic hat dazu ein echtes Zitat geliefert: Kreativität bedeutet, Einschränkungen zu Möglichkeiten zu machen. Genau darauf kommt es nun an. Die gegenwärtige Veränderung unseres Wirtschaftsystems zwingt nun Alle in die Veränderung. Nun kommt es wirklich darauf an, um bei Gricic zu bleiben, aus der Einschränkung eine Möglichkeit zu machen. Doch dafür braucht es Mut und Innovation. Dazu muss ein gehöriger Schuss Kreativität in den grauen Alltag der Möbelproduktion. Wo ist die Freude am Wohnen, wo die Lust am Lebensstil? Nur wer sich mit den echten Belangen der Menschen beschäftigt wird sich entwickeln. Nur wer ans Extrem des Möglichen denkt wird die nächsten Schritte gehen. Wir brauchen nicht zu hoffen, dass wir ein Retro des Cocoonings aus den 80-er Jahren erleben. Das Wohnen der Zukunft ist ein SMART BEING, ein intelligentes Sein, ein lustiges Miteinander, ein emotionsgeladenes Formen der eigenen Welt. Also: Antizyklisch, also genau Jetzt, gilt es sich über die Veränderungen der Welt als Vorlage für neue Ideen zu freuen.